WELLIG UND GLATT.
Das Wellige und das Glatte beobachtete er auch an den Haaren seiner Schwestern und stellte sich die Frage: «Wenn man glattes Haar aufbrechen und porös machen könnte, vielleicht könnte man es dann auch in Locken legen?»
Die Frage sollte ihn ein Leben lang nicht loslassen; die Antwort, die er schliesslich fand, machte ihn in den USA zum Millionär. Karl Ludwig Nessler wurde der Erfinder der Dauerwelle.
Erst einmal führten ihn seine Lehrjahre nach Genf, dann nach Paris, zu Meister Marcel Grateaux. Das war jener Coiffeur, vor dem die Damenwelt zum Ausgang des 20. Jahrhundert das Haupt neigte, auf dass er ihr das Haar onduliere. Dem Maître gelangen allerdings nur Lockenbildungen, die sich beim nächsten Regenguss in nichts auflösen würden. Nessler, der sich inzwischen Charles Nestlé nannte, sann auf Abhilfe. Er band seinen Probandinnen einzelne Haarsträhnen ab, benetzte sie mit einer alkalischen Borax-Lösung und wickelte sie mit hartem Zug auf Metallröhrchen, die er dann mit einer Brennzange minutenlang erhitzte. Das tat höllisch weh, dauerte fünf Stunden für einen vollen Lockenkopf und ging beim ersten Male schief: Nesslers Freundin und spätere Ehefrau Katharina, die für die Premiere den Kopf hinhielt, bezahlte die Kokelei mit schweren Brandblasen auf der Kopfhaut.
HAUT UND HAAR.
Aber was tut man nicht alles für die Schönheit! Die ersten Maschinerien zur Wellenlegung sahen noch aus wie Galgen, an denen die aufheizbaren Metallröhrchen drohlich baumelten wie Tentakel. Nessler experimentierte unverdrossen weiter, schuf sich mit künstlichen Wimpern eine sprudelnde Nebenerwerbsquelle und eröffnete 1911 in London das «Haus der Dauerwelle», einen feinen Salon für die Frau von Welt und Welle. Längst hatte er seine Erfindung international patentieren lassen und technisch so verfeinert, dass es für die Lady auf dem Coiffeurstuhl nicht allzu brenzlig wurde. Dann vertrieb der Erste Weltkrieg den Wellenreiter der Haarmode in die USA.Dort baute Charles Nestlé aus dem Schwarzwald ein Dauerwellenimperium auf. Er eröffnete drei Geschäfte in New York und betrieb Filialen in Chicago,Philadelphia, Palm Springs und Detroit; er gab im Jahr die erstaunliche Summe von 300 000 Dollar für Werbung aus und entwickelte ein preiswertes Dauerwellenheimgerät für nur 15 Dollar. Allein im September und Oktober 1922 wurden 30 000 dieser Apparate verkauft. Vor Nesslers erster Adresse, dem Salon in der 5th Avenue von Manhattan, drückten sich die jungen Mädchen die Nase am Schaufenster platt: In einem Riesenbecken schwamm eine gewellte Haarsträhne! Incredible! Die amerikanische Frau war Nesslers Lockungen völlig erlegen.
GEWINN UND VERLUST.
Auf dem Höhepunkt seines Ruhms, 1928, verkaufte Nessler das Unternehmen für 1,5 Millionen Dollar – nur um zu erleben, dass sein Vermögen, das er in Kupfer angelegt hatte, am Schwarzen Freitag des Jahres 1929 dahinschmolz wie Butter unter dem Brenneisen. Es war das Ende der Glückssträhne. Seine Versuche, mit einem Gerät namens «Cha Ness», das der Hautalterung, der Kahlköpfigkeit und der Stoffwechselmüdigkeit gleichzeitig den Kampf ansagte, an alte Erfolge anzuknüpfen, blieben erfolglos. Einsam und verbittert starb Nessler 1951 in New Jersey. Seine Erfindung hielt sich noch Jahrzehnte und mündete in so schöne Entwicklungen wie Flachwickler, Kaltwelle und thermogesteuerte Haarumformung. Inzwischen allerdings verebbt die nesslersche Welle dauerhaft – nur noch drei Prozent der Frauen, dies ergab 2008 eine Umfrage in der Frisier-Branche, lassen sie sich vom Coiffeur legen. Die Schauspielerin Meg Ryan (mit ihrer Pudelfrisur in «Harry und Sally»), Pop-Diva Madonna mit gecurlter Haarpracht in den Neunzigerjahren oder auch der Komödiant Atze Schröder zählen zu den prominenten Vertretern des aussterbenden künstlichen Locken-Looks. Die Todtnauer hingegen werden den grossen Sohn ihrer Schwarzwaldgemeinde (der seiner verarmten Heimat in den 1920er-Jahre mit grosszügigen Geldspenden ausgeholfen hatte) niemals vergessen. Alle drei Jahre verleiht dort eine Jury den Karl-Ludwig-Nessler-Preis (dotiert mit 2500 Euro) «an verdienstvolle Mitglieder des deutschen Frisörhandwerks». Und zum Jubiläum «100 Jahre Dauerwelle» im Jahre 2006 dichtete der Todtnauer Lokalhistoriker Benno Dörflinger: «Karl Ludwig Nessler, hier geboren, hat niemals seinen Mut verloren, hat eine grosse Tat vollbracht, die allen Frauen Freud gemacht.»